Impressum   |   erstellt von datalino 2009
Startseite
Buch: Der gefesselte Mensch

Artikel

Glossen

Im Krankenhaus verwöhnen lassen

drucken Diese Seite lesen    drucken Diese Seite drucken

Als er kürzlich die letzten Tagebuchaufzeichnungen Thomas Manns las, hatte Erasmus viel Verständnis für ihn. Mann berichtet da, wie peinlich es ihm war und gänzlich ungewohnt, daß er bei verordneter strenger Ruhe in der Klinik seine Notdurft im Bett verrichten mußte.

Obwohl er als Arzt eigentlich eine neutrale Einstellung dazu haben sollte, hat Erasmus seine ihm anerzogene Scheu diesem Menschlich- Allzumenschlichen gegenüber nie ganz überwinden können. Daß man aber diesem Lebensbereich auch ganz andere Gefühle entgegenbringen kann, hat er einmal erlebt, oft erzählt, und so will er es auch an dieser Stelle zum Nutzen und Frommen aller Beteiligten berichten.

Erasmus hatte eine neue Stelle als Krankenhausarzt angetreten, als ihm zwei Schwestern - und er verbürgt sich für die Richtigkeit der Mitteilung - das Folgende erzählten:
Es lag dort eine Patientin mit einer Hepatitis, der strenge Bettruhe verordnet worden war. Leider hatte der Stationsarzt diese bis zum Entlassungstermin abzusetzen vergessen. So kam der Abend des letzten Kliniktages heran, als die inzwischen Gesundete wieder nach dem Steckbecken verlangte. Die herbeigeeilte Schwester konnte sich nun nicht enthalten, sie darauf hinzuweisen, daß sie doch am nächsten Tag den Gang zum verschwiegenen Ort - dorthin, wo auch der Kaiser zu Fuß gehen muß, wie man früher sagte,- selbst antreten müsse, und ob sie es nicht vielleicht auch heute schon könne. " Ja, ja ", meinte daraufhin die Angesprochene, " Sie haben ja recht Schwester, morgen fängt der Ernst des Lebens für mich wieder an, aber heute will ich mich noch mal so richtig verwöhnen lassen."

Mit dem Verwöhnen ist das so eine Sache, meint Erasmus. Aber selbst wenn man ihm auch positive Seiten abgewinnen kann, ist doch wohl ein Krankenhaus dazu nicht der geeignete Ort. Die Engländer haben es da einfacher, denn " to spoil " heißt sowohl verwöhnen als auch verderben. Nun, wie dem auch sei, Sie werden es gewiß verstehen, daß Erasmus' Freunde ein Lächeln oder auch ein Lachen nicht unterdrücken können, wenn vom Verwöhnen die Rede ist.