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Buch: Der gefesselte Mensch

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Über Ostalgie

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Gern denkt Erasmus an jene Zeit Anfang der 50-ziger Jahre zurück, als er sich in den Universitätskliniken der Ziegelstr. ( im damaligen Ostsektor Berlins wo er noch das Kolleg von Stoeckel gehört hatte) als Assistent seine ersten Sporen verdiente. Obwohl die Stadt verwaltungsmäßig schon geteilt war, zwang die offene Grenze zu den Westsektoren die Herrschenden im Osten noch zu manchen Kompromissen.

In der Friedrichstr., gegenüber der Einmündung der Ziegelstr. hatte man eines der stehengebliebenen alten Berliner Häuser zu einem Nobelhotel und -restaurant ausgebaut, das Erasmus und seine Kollegen oft aufsuchten. Der Chef des Restaurants und ein Teil des Personals kam aus den Westsektoren, die Atmosphäre daselbst unterschied sich kaum von den entsprechenden Lokalen im anderen Teil der Stadt. Aber das war es nicht allein, woran er denken mußte, als Erasmus kürzlich wieder über die Weidendammbrücke ging und in die Ziegelstr. einbog. Er erinnert sich auch an seinen Freund Dieter, der ihm, als er es nach Jahren wieder konnte, berichtete, was ihm nach dem Bau der Mauer in jenem Nobelrestaurant widerfahren war.

Vorausschicken muß Erasmus, daß ihn sein Freund Dieter nicht nur um mehr als Kopfeslänge überragt, sondern er es auch in Breite und Tiefe seines Körperbaues nicht mit ihm aufnehmen kann. Zu ergänzen wäre zudem, daß Dieter ein Freund guten Essens und Trinkens ist.

So hatte er denn mit seiner Frau jenes Etablissement aufgesucht, wo nach einem für ihn bedeutenden Ereignis der Tag mit einem zünftigen Mal angemessen beendet werden sollte. Vor- Haupt- und Nachspeise, dazu Getränke, hatten gemundet, als er noch Appetit hatte, nach alter Regel mit Käse das Mal zu beschließen. Von seiner Frau darin bestärkt, bestellte er diesen in freundlichem Ton und den üblichen Worten:" Herr Ober, bringen sie mir doch noch eine Käseplatte." Dieter hatte am Verhalten des Kellners bis zu diesem Zeitpunkt nichts zu beanstanden gehabt. Es dürfte von der heute überall zu findenden Gleichgültigkeit jener bestimmt gewesen sein, die Dienen und Bedienen als entwürdigend ansehen und solches nur des Geldverdienens wegen ausüben. So waren er und seine Frau und natürlich alle, denen er es erzählte, baff, als der Kellner die gewünschte Käseplatte mit den Worten: "So, jetzt sind Sie hoffentlich bald satt", servierte.

Erasmus überläßt es seinen Lesern zu beurteilen, was in den Verhältnissen der DDR das unmögliche Verhalten des Mannes ermöglichte. Er glaubt nicht, daß hier ein Dummkopf die "Diktatur des Proletariats" zu wörtlich genommen hat, sondern hält es für beispielhaft, weshalb man, wie an so manches andere, daran erinnern sollte,- was heute leider nötig ist.