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Über die sogenannte Rechtschreibereform (Neuschreibe)

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" Ihr Deutschen laßt Euch aber auch alles gefallen ", meinte sein Freund John, als er auf die Verordnung der Neuschreibe zu sprechen kam. Ihm konnte Erasmus nur resignierend zu-stimmen und versuchen, ihm die historischen Zusammenhänge zu erläutern:
"Wir Deutschen sind doch seit Jahrhunderten zur Obrigkeitshörigkeit erzogen worden.
Nach den absoluten Potentaten kam der preußische Staat, der den " Untertan " forderte.
Schlimm wurde es dann unter der Diktatur der Nationalsozialisten und danach in einem Teil Deutschlands unter der Herrschaft der Kommunisten. Wer da seine Meinung sagte, verschwand und oft auf Nimmerwiedersehen. Schließlich haben unsere Politiker heute mit ihrem Sozialstaat den Bürger total entmündigt. So wurde das Volk systematisch dazu erzogen, auf den Befehl von oben zu warten und ihm zu gehorchen."
" Ich kann mir schon vorstellen, daß das der Nährboden ist, auf dem ein Gewächs wie dieses Dekret gedeihen kann, was aber sind denn die vorgegebenen Absichten Eurer Kulturbüro-kraten ?"
" Alle Gründe, die sie vortragen, sind fadenscheinig. Vermutlich wollen sie damit ihre Da-seinsberechtigung erweisen, auch mag es ihnen gefallen, wenn sie 100 Millionen Menschen nach ihrer Pfeife tanzen lassen können. Sie geben vor, die deutsche Rechtschreibung verein-fachen zu wollen. Damit zeigen sie jedoch nur eine bemerkenswerte Unkenntnis anderer Sprachen, denn es gibt keine Sprache, die fast so buchstabengetreu gesprochen wird, wie die deutsche." "Oh ja," meinte John," wenn ich nur daran denke, daß bei uns die Buchstaben-folge ough auf vier verschiedene Weisen ausgesprochen werden kann, nämlich in through, thought, though und tough." " Das ist ja noch gar nichts", als er in Japan war, erklärte ein japanischer Kollege Erasmus, daß sie dort vier Schriftformen lernen müßten.' We have four characters.'

" Warum auch die Schweizer die Neuschreibe mitmachen, verstehe ich überhaupt nicht", meinte John. " Auch mir ist es ein Rätsel, weshalb sich sogar die Neue Zürcher, eine Zeitung, die sich ihre Unabhängigkeit wohltuend erhalten hatte, gleichschalten läßt. Daß das ausgerechnet von Wien aus geschah, wo die Neuschreibe beschlossen wurde, ist doch ein Treppenwitz der Weltgeschichte.
Oh ja, die Zeiten von Wilhelm Tell sind vorbei. Sempach ade !"

Stellen wir also fest: Erasmus wird, wie der größte Teil des Sprachvolkes,
" Schiffahrt" schreiben und nicht "Schifffahrt", er wird am " daß" festhalten, Mißstand und nicht Missstand schreiben, denn er hält es für gewinnbringender und nicht für "Gewinn bringender", welche Schreibweise er für baren Unsinn hält.