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Buch: Der gefesselte Mensch

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Deutsch ist viel zu simpel !

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Die Deutschen haben es mit den Fremdworten, d.h. mit den Worten, die sie aus einer anderen Sprache übernehmen. Erasmus kennt kein Land , in dem es außer einem Wörterbuch der eigenen Sprache für den allgemeinen Gebrauch noch ein solches mit gleichem Umfang als " Fremdwörterbuch " gibt.

Sie lieben das Fremde, weil sie kein Sprachgefühl und auch kein Selbstgefühl haben, unsere lieben Leute, denn zu beidem bedarf es der Erziehung und Schulung, die hierzulande leider oft zu kurz kommen. So wurden dann immer Worte aus einem anderen Kulturkreis, der als der bedeutsamste erschien, bei uns eingeführt, denn man wollte natürlich immer zeigen, wie gebildet und wie weltoffen man ist. Jahrhundertelang glaubten unsere Deutschen, die Kultur komme aus Frankreich, und so wurde alles, was möglich, französisiert. So ganz verschwunden ist die " Gallomanie " auch heute noch nicht, denn unsere Figaros, in Berlin jedenfalls, nennen sich neuerdings nicht mehr Frisöre, sondern Coiffeure.

Der Vorspann war etwas zu lang , meint Erasmus, der nun endlich zum Thema kommen will, denn bekanntlich ist französisch nicht mehr " in ". Wer heute etwas auf sich hält und seine Bildung zeigen will, bedient sich natürlich des Anglo-amerikanischen. Hieß es früher einmal "ex oriente lux ", so würde ein Neulateiner heute wahrscheinlich sagen: " ex americania lux." Aber lassen wir dem Volk sein " Neudeutsch " oder " Denglisch". Lange genug hat man ihm eingebläut, daß es keine deutsche Kultur gibt, sonden nur eine deutsche Unkultur.

Sprechen wir also von den " Intellektuellen ", den Gebildeten.
Leider sind auch sie, muß Erasmus feststellen, dem Zeitgeist verfallen, denn im medizinischen Schrifttum oder auf Fortbildungsveranstaltungen lautet der Wahlspruch: soviel Englisch wie möglich. Der Amerikanismus steht auch hier in Hochblüte. Kritiklos werden wir mit englischen Worten konfrontiert, deren Bedeutung sich ebenso - und verständlicher - mit deutschen Worten beschreiben läßt, oder die es in der medizischen Fachsprache bereits gibt und die jetzt durch englische Wörter ersetzt werden sollen.

Für menschliche Schwächen soll man Verständnis haben, meint Erasmus. Er hört sie, unsere Wissenschaftler, wie sie uns zuraunen: "Seht doch, wie gebildet wir sind. Wir kennen uns aus im internationalen Schrifttum, wir beherrschen die neue Lingua franca. Wer uns nicht versteht, ist eben von vorgestern." Mit Recht wird dieses Verhalten als Imponiergehabe kritisiert. Es gibt sogar auch Leute, die glauben sich zu blamieren, wenn sie ganz einfach fragen, was denn diese oder jene englische Vokabel eigentlich bedeutet, die man uns jetzt als letzte Errungenschaft der Medizin vorsetzt. Nichts gegen eine allgemeine internationale Verkehrssprache, meint Erasmus, übersetzt man allerdings die Anglomedizin ins Deutsche, was man nicht für nötig hält, würde manche Worthülse entlarvt und viel Aneinandervorbeireden und manches andere würde uns erspart.

Das Problem ist in unseren Landen, wie gesagt, nicht neu.
Erasmus denkt da an einen unserer großen Philosophen, der
schon vor etwa zweihundert Jahren schrieb: " Den deutschen Schriftstellern würde die Einsicht sehr zustatten kommen, daß man denken solle wie ein großer Geist, hingegen dieselbe Sprache reden wie jeder andere. Man gebrauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge: aber sie machen es umgekehrt." *)


*) Schopenhauer: Parerga und Paralipomena