Impressum   |   erstellt von datalino 2009
Startseite
Buch: Der gefesselte Mensch

Artikel

Glossen

Psychotherapie, Psychoboom

Deutsche Ärzteblatt 2007

drucken Diese Seite lesen    drucken Diese Seite drucken

Anmerkungen zu „Das System wird immer komplexer“ von Dr. med. Karin Bell und Prof. Dr. med. Ulrich Rüger).


Das System der deutschen Psychotherapie wird nicht nur immer komplexer, es ist bereits
sehr kompliziert; jedenfalls das, was aus dem Topf der gesetzlichen Krankenversicherung ( GKV ) finanziert wird. Diese gibt nicht wenig dafür aus, wenn man bedenkt, daß in Deutschland weltweit am meisten dafür bezahlt wird. Daß hier nach Maßstäben gesucht wird, ist verständlich, denn was Versicherte und Steuerzahler einzahlen, soll auch verantwortungsbewußt ausgegeben werden.
Als 1967 das psychoanalytische Verfahren mit den entsprechenden “ Richtlinien“ dazu in den Leistungskatalog der GKV aufgenommen wurde, war man sich über die Folgen kaum im klaren. Es war der soziale Impetus, der die Verantwortlichen beflügelte.
Die Problematik beginnt aber bereits damit, daß bis heute nicht verbindlich geklärt ist, was man unter Gesundheit und Krankheit zu verstehen hat. Relativiert wird eine Definition durch den fließenden Übergang zwischen beiden, und zusätzlich erschwert wird eine Klärung dann, wenn außer den Angaben des vermeintlich Kranken keine sicheren objektivierbaren Daten vorhanden sind. So ist es verständlich, wenn die Autoren meinen, daß rund 32 % der Erwachsenen in Deutschland an einer psychogenen Störung leiden,

Was man als “ Psychoanalyse “ bezeichnete, war und ist bis heute unklar, es hängt von der Zugehörigkeit zu privaten Vereinen ab, was man darunter versteht. Die zahlreichen verschiedenen Theoriegebäude dafür kann man allenfalls als Vorstufen einer Wissenschaft bezeichnen. Wenn etwas hilft, mag das hingehen, und zahlreiche Arbeiten liegen über die Wirksamkeit der inzwischen auf etwa 200 Therapieschulen angewachsenen psychotherapeutischen Verfahren vor. Keine davon konnte ihre globale Überlegenheit unter Beweis stellen. Irgend etwas hilft eben immer. Auch die für Berlin vorgelegte Arbeit von Dührssen und Jorswieck ist problematisch. Zwar wurden externe
Qualitätssicherungsmaßnahmen ab 2000 geplant, aber nie durchgeführt.
Den Eintritt in den Kreis der Privilegierten der GKV bestimmt heute ein Ausschuß ( G-BA ), der es gewiß nicht leicht hat, denn weder gibt es einen verbindlichen Indikationskatalog, noch ist sein Urteil das endgültige. Das Bundesministerium für Gesundheit hat das letzte Wort und jetzt mit dem Begriff der “ Versorgungsrelevanz “ ein neues Kriterium für die Zulassung verlangt.

Wissenschaftlichkeit, Wirksamkeitsnachweis und Zulassungsbedingungen zur GKV sind
weiter problematisch und von verschiedenen Interessen geprägt. Sicher hat die Einführung der Psychotherapie als Psychoanalyse in die GKV dazu geführt dem Beruf des Psychotherapeuten eine Existenzgrundlage zu verschaffen. Der zu verzeichnende Psychoboom dürfte damit zusammenhängen. An der psychotherapeutischen “ Versorgung“ nahmen teil: 1941: 241, 1980: 2580, 1995: 12829, 2000: 19917. Insgesamt nutzen etwa 300 000 Patienten pro Jahr eine ambulante Psychotherapie (G-BA ). Das es angesichts der Krise der GKV so nicht weiter gehen kann, dürfte verständlich sein. Den Autoren ist zu danken, auf diese Problematik “ mit Sorge “ hingewiesen zu haben.
.