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Über "Politmedizin", Begriffsverwirrung und semantischer Betrug

Berliner Ärzteblatt 2003

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" Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort
zur rechten Zeit sich ein. Mit Worten läßt sich
trefflich streiten, aus Worten ein System
bereiten."

Das wissenschaftliche Niveau ist heute nicht nur in der Medizin sehr niedrig. Grund dafür ist u.a. auch, daß Goethes ironische Feststellung weiterhin aktuell ist. Voraussetzung jeder Kommunikation, insbesondere jeder wissenschaftlichen, ist aber das richtige Arbeiten mit Worten und Begriffen. Unbekümmert wird heute drauflosgeschrieben, werden Tagungen, Kongresse und Podiumsdiskussionen organisiert, auf denen meistens aneinander vorbeigeredet wird. So ist es zunächst eine wissenschaftliche Aufgabe, wie das Seiffert fordert, auf die Regeln disziplinierten Denkens und Redens hinzuweisen und daran zu erinnern, daß eine saubere analytische Entwicklung der Grundbegriffe das Fundament der Wissenschaften ist. (1).
Vielen Schwierigkeiten wäre z.B.der Schöpfer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, aus dem Wege gegangen, wenn er darauf hingewiesen hätte, daß das Wort
" Sexualität " von ihm in einem anderen Sinne gebraucht wurde, als es dem allgemeinen Umgang entsprach. Soll einem Wort eine neue Bedeutung verliehen werden, so muß das aber ausdrücklich angekündigt werden.
Allerdings ist in Medizinerkreisen die Bereitschaft, sich mit wissenschaftstheoretischen Fragen zu beschäftigen, bis heute nie sehr groß gewesen. Auch die immer wieder unternommenen Versuche wie der von E. Bleuler, der das "autistisch undisziplinierte Denken" in der Medizin kritisierte, oder das jahrzehntelange Bemühen von R. Groß um prinzipielles Denken und klare Begriffe haben daran nichts ändern können. Nach einem seiner Vorträge, berichtet Groß, wurde er sogar vor dem Gebrauch der Philosophie in der Medizin gewarnt ( 2 ).
Außerdem ist die Organisation der Heilkunde seit Ende des 19. Jahrhunderts zu einer öffentlichen von Politikern bestimmten Angelegenheit geworden. Da Politiker keine Wissenschaftler sind und ihr Reden sich nach den Leuten richtet, die sie wählen sollen, benutzen sie griffige Wortvereinfachungen ( Schlagworte ), um sie ansprechen zu können. Ein Sprachverfall mit einem schleichenden Bedeutungswandel von Worten ist die Folge. Hier schlage ich als neuen Terminus für diesen Sachverhalt das Wort " Politmedizin " vor.

Beispielhaft dafür ist die Bedeutungsentwicklung des Wortes "Gesundheitswesen".
Ursprünglich substantivierter Infinitiv vom Verbum " wesen ", bedeutet " Wesen " das Hauptmerkmal einer Sache, das mit ihrem Begriff untrennbar verbunden ist und von dem alle übrigen Merkmale abhängen. In Verbindung mit Worten aus anderen Lebensbereichen bot es sich an, um deren Bedeutsamkeit herauszustellen. Waren es erst solche aus dem allgemeinen Leben, wie Anwesen oder Unwesen, so ging man erst im 19. Jahrhundert dazu über, staatliche Institutionen als Wesen zu bezeichnen wie Kriegswesen, Militärwesen Sanitätswesen, Verwaltungswesen u.a.
Man hatte so die Möglichkeit, den jeweiligen Verwaltungsbereich zusammenfassend zu benennen, womit auch die zunehmende Bedeutsamkeit staatlicher Institutionen unterstrichen wurde.
Das Wort " Gesundheitswesen " hat sich erst im 20.Jahrhundert durchgesetzt. Entsprechend der überkommenen Redeweise wurde es in die Umgangssprache eingeführt und als "öffentliches Gesundheitswesen" bezeichnet. Noch 1996 ( 3 ) verstand man im allgemeinen Sprachgebrauch darunter die sozialhygienischen und verwaltungsmäßigen Aufgaben, die von den staatlichen Behörden, insbesondere von den Gesundheitsämtern mit ihren Amtsärzten, auszuführen waren und für die als oberster Dienstherr seit 1961 ein Minister für Gesundheitswesen zuständig war. Ihr Aufgabenbereich war die Gesunderhaltung der Bevölkerung durch seuchenhygienische Maßnahmen sowie Überwachung und wurde auch als "öffentlicher Gesundheitsdienst" bezeichnet.Aber bereits seit Beginn der sechziger Jahre machte das Wort, ausgehend von der Medizinersprache, einen
bemerkenswerten Bedeutungswandel durch. Unter " Gesundheitswesen " verstand man jetzt die Zusammenfassung

1. der ambulanten von niedergelassenen Ärzten ausgeübten Krankenbehandlung,
2. der Krankenhausbehandlung und
3. des öffentlichen Gesundheitsdienstes.

Entsprechend war 1991 zu lesen, daß das " Gesundheitswesen" sich nach der " unumstrittenen Dreisäulentheorie " in den Bereich der ambulanten ärztlichen Versorgung, in die Krankenhausbehandlung und in den öffentlichen Gesundheitsdienst gliedert ( 4 ).
Diese Begriffserweiterung war fragwürdig und folgenschwer. Die Krankenbehandlung als
" Heilwesen " wurde mit dem der Vorsorge dienenden öffentlichen Gesundheitsdienst, einem
" Vorsorgewesen", zum " Gesundheitswesen" zusammengefaßt. Krankheit und Gesundheit aber sind konträre Begriffe. Vorsorgen ist etwas anderes als Heilen. Das Heilwesen einem " Gesundheitswesen" unterzuordnen, suggeriert, daß Gesundheit nur durch Heilung von Krankheit erreichbar ist. Der gesamte eigentliche private Teil der Gesunderhaltung und Krankheitsvorsorge bleibt sprachlich ausgeschlossen, denn der öffentliche Gesundheitsdienst ist nur ein kleiner Teil der Bemühungen um Gesunderhaltung.
Nachdem die gesamte Krankenbehandlung, das Heilwesen, begrifflich im Gesundheitswesen aufgegangen war, stand einer weiteren Begriffserweiterung nichts im Wege, im Gegenteil, sie war programmiert, denn das Heilwesen war seit 1883 in Deutschland und seit 1948 durch die Weltgesundheitsorganisation ( WHO ) zu einem Politikum geworden. Alles, was seitdem in irgendeiner Form mit Heilwesen, also Krankenbehandlung, zu tun hat, ist jetzt Gesundheitswesen. Hinzu kam die exzessive Ausweitung des Gesundheitsbegriffs, nach dem Befindlichkeitsstörungen bereits als Krankheit angesehen wurden. Darüber hinaus wurde auch das gesellschaftliche Umfeld einschließlich der gesamten sozialen Sicherung einbezogen, womit Gesundheit schlechthin zur staatlichen Aufgabe erklärt wurde, die geradezu mit einem Rechtsanspruch des Bürgers darauf verbunden ist.
Das dafür kompetente Institut für Gesundheits-System-Forschung unter der Leitung von F.Beske gibt dem Begriff " Gesundheitswesen " jetzt - zusammengefaßt - folgenden Inhalt ( 5 ):

1. Öffentlicher Gesundheitsdienst
2. Gesetzliche soziale Sicherung:
Rentenversicherung,Krankenversicherung,
Pflegeversicherung,
Unfallversicherung,
Arbeitslosenversicherung,
Sozialhilfe
3. Private Krankenversicherung
4. Behandlung durch Ärzte und Zahnärzte
5. Behandlung in Krankenhäusern
6. Behandlung mit Arzneien, einschließlich deren Herstellung und
Vertrieb
7. Behandlung mit Heil- und Hilfsmitteln
8. Umweltschutz, Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

 

Die Bedeutung des Wortes " Gesundheitswesen" wurde somit in drei Stufen erweitert:

1. Ursprüngliche Bedeutung: Öffentlicher Gesundheitsdienst ( Amtsärzte )

2. Dreisäulentheorie : ambulante Behandlung durch niedergelassene Ärzte,
Krankenhausbehandlung
Öffentlicher Gesundheitsdienst

3. heutiger Stand. Gesamte gesetzliche soziale Sicherung

Wie schon gesagt, lassen Politiker in ihrer Wortwahl oft jede begriffliche Klarheit vermissen. Nur so ist es zu verstehen, daß Anfang der achtziger Jahre das Wort
" Gesundheitssystem " in ihrem Sprachgebrauch erschien wie bei Anke Fuchs ( SPD )

" Die Ärzte haben ohne Zweifel in unserem
Gesundheitswesen eine wichtige verantwortungsvolle
Aufgabe, von ihrer Tätigkeit hängt es in besonderem Maße ab, wie
unser " Gesundheitssystem " sich weiterentwickelt." ( 6 )

Das Wort " System " übt auf manche Menschen, insbesondere Intellektuelle, eine eigenartige Anziehungskraft aus, deren Ursache ich an anderer Stelle beschrieben habe ( 7 ). Obwohl es in seiner langen Geschichte sowohl im negativen als auch in positivem Sinne gebraucht wurde, überwiegt heute in seiner Bedeutung die positive Vorstellung von einem umfassenden, geordnet gegliederten Ganzen. In einem System kann man sich aufgehoben und geborgen fühlen. Definiert worden ist das Wort
„Gesundheitssystem " nie. Ob damit der Begriff " Gesundheitswesen " erweitert werden sollte, ist zweifelhaft, denn beide Worte werden weiter gleichbedeutend gebraucht. Auch ist kaum vorstellbar, wie denn das " Gesundheitswesen " noch erweitert werden könnte. Offenbar handelt es sich hier lediglich um den Versuch, die politischen Aktivitäten zur Gesunderhaltung der Bevölkerung mit einem hochtrabenderen, positiv besetzten Wort zu beschreiben, es ist im Grunde eine nichtssagende Worthülse und somit überflüssig. . Das gleiche gilt für " Sozialsystem " oder " Sozialsysteme ", womit die Politiker alle staatlichen Institutionen gegen alle Wechselfälle des Lebens heute bezeichnen, - denn aus Worten läßt sich leicht ein System bereiten, wie eingangs von jemandem gesagt wurde, der etwas davon verstand.

1883 begann mit Schaffung der gesetzlichen Krankenversicherung ( GKV ) die
" Gesundheitspolitik ". Allerdings war die GKV schon bei ihrer Gründung keine reine Versicherung, sondern eine Mischung aus Versicherung (für die Kosten der Krankheitsbehandlung), Sozialhilfe ( Erstattung der Begräbniskosten ) und Sozialausgleich (Versicherungsbeitrag auch durch den Arbeitgeber ). Sie war als Notfalleinrichtung für die minderbemittelten Bevölkerungskreise gedacht, die diese nötig hatten, weil sie sich meist nur den Armenarzt leisten konnten. Der gesetzliche Versicherungszwang betraf acht Prozent der Bevölkerung, dem man unterstellte, daß sie zu unselbständig sei, um sich für den Krankheitsfall selbst zu versichern. Deshalb war das Wort " Zwangskasse " für Ortskrankenkasse allgemein üblich. Im Laufe der Jahre verschwand es bekanntlich, gelegentlich wird noch von " Pflichtversicherung " gesprochen.
Für die GKV trafen also schon bei ihrer Gründung wesentliche Kriterien einer Versicherung nicht zu. Das Wort " Versicherung " war damals schon irreführend. Lediglich die heutigen Privatkrankenkassen arbeiten nach dem Versicherungsprinzip: klare Definition des Versicherungsfalles und dessen Leistungsumfang. Der Versicherungsbeitrag richtet sich versicherungsmathematisch nach Anzahl der Versicherten und dem Versicherungsrisiko. Keine Versicherung, wenn der Versicherungsfall bei allen Versicherten eintritt, da diese ihn ja dann selbst bezahlen und sich die Erhebungs- und Verwaltungskosten ersparen könnten.

Die weitere Entwicklung ist bekannt. In etwa 90 Jahren verstanden es die Politiker, den Versicherungszwang auf 92 % der Bevölkerung auszudehnen - paradox angesichts der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung. Ihre Motive sollen hier nicht untersucht werden - nicht nur in Deutschland erwiesen sich staatliche Versicherungen als Wahlschlager -, sondern der sie ermöglichende und begleitende Sprachverfall, der mit der Formel
" von der Krankenversicherung zum Gesundheitsservice " charakterisiert werden kann.

Eine Leitlinie dieser Sprachentwicklung ist das Bestreben, das Wort " Krankheit " zu vermeiden und so weit wie möglich durch " Gesundheit " zu ersetzen, denn " für die Gesundheit ist mir nichts zu teuer ", sagt man im Volke, ( d.h. Wählervolke). Damit wird ein negativ besetztes Wort gegen ein positiv empfundenes ausgetauscht. Hierzu gehört u.a. das Wort " Gesundheitsvorsorge " ( 9 ), das anstelle von Krankheitsvorsorge oder Krankheitsvorbeugung erschien. Vorsorge treffen kann man nur für negative Ereignisse ( Alter, Krankheit, Tod u.ä. ). Eine Gesundheitsvorsorge ist sprachlich ein Unsinn. Die Vorsorgeuntersuchungen ( für Krebs, "check-up" u.a. ) und die Vorsorgekuren dagegen sind zwar sprachlich korrekt, erweitern aber wiederum den Leistungsumfang der GKV, der durch die WHO und ihre Vorstellung von Krankheit und Gesundheit ohnehin so aufgebläht ist, daß der Versicherte auch aus Langeweile den Arzt aufsuchen kann. Da mit der Vorsorge der Versicherungsfall praktisch für jeden Versicherten eintritt, verliert die GKV vollends den Charakter einer Versicherung. Insofern ist es kein semantischer Betrug, wenn die Krankenkassen der GKV sich neuerdings "Gesundheitskassen" nennen. Folgerichtig wäre es, auch die gesetzliche Krankenversicherung entsprechend umzubenennen.

Der derzeitigen Staatsidee - als Versorgungsstaat - entsprechend hat auch das Wort " Versorgung " in der Politmedizin eine Bedeutungserweiterung erfahren. Versorgen hieß ursprünglich, lediglich das Lebensnotwendige ( durch den Staat) sichern, denn es kam im Zusammenhang mit dem Kriege auf. Jetzt dagegen wird die Bevölkerung mit Ärzten, Zahnärzten, Krankenhäusern, Psychiatern, Arzneimitteln und Heil- und Hilfsmitteln " versorgt " ( 10 ). In diesem Sinne ist die Krankenbehandlung eine
" Gesundheitsversorgung " oder auch " gesundheitliche Versorgung" ( 11 ). Da Ökonomen, Soziologen, Politologen oder Autodidakten vorwiegend die politmedizinischen Begriffe prägen, gehen diese im Zuge der allgemeinen Vergeldlichung der menschlichen Beziehungen von der Vorstellung aus, Gesundheit sei eine Ware, die käuflich und transferierbar ist und die man als "Gesundheitsgut" ( 12 ) erhalten kann. Der Arzt ist keiner mehr, der Kranke behandelt, sondern Erbringer einer " Gesundheitsleistung" ( 13 ), die er auf dem " Gesundheitsmarkt " ( 14 ) anbietet .
Wie weit die GKV ihrer eigentlichen Aufgabe entfremdet wurde, geht aus einer Veröffentlichung des damaligen Ministers Blüm ( CDU ) hervor, der erklärte:

"Mit wachsendem Wohlstand steigen die Gesundheitsbedürfnisse, aber nicht alles, was dem Wohlbefinden dient, kann aus den Mitteln der solidarischen Pflichtversicherung finanziert werden. Je mehr in der sozialen Krankenversicherung die Grenzen zwischen dem medizinisch Notwendigen und dem allgemeinen Gesundheitskonsum verschwimmen, desto mehr degeneriert die Solidarität ". ( 15 )

Warum das Bedürfnis, gesund zu sein, mit wachsendem Wohlstand steigen soll, ist nicht erfindlich, zumal dieses Bedürfnis sich vervielfältigen kann. Allerdings geht es bei diesem Bedürfnis um das "Wohlbefinden ", für welches die Krankenkasse zwar manches, aber nicht alles bezahlen kann, da es zwischen dem medizinisch Notwendigen und der allgemein konsumierbaren Ware " Gesundheit " Grenzen gibt, die aber verschwimmen können. Besser kann nicht gezeigt werden, wie das staatlich verbriefte Recht auf Gesundheit durch Heilbehandlung im Krankheitsfall zu einem Konsumanspruch auf soziale Dienstleistungen verkommen ist. H.Baier hat nachdrücklich auf diesen Sachverhalt hingewiesen. (16 ).
Der Begründer der Sozialmedizin, H. Schäfer, sagte das noch deutlicher: ( 17)

"Die gesetzliche Krankenversicherung ist in ihrer Praxis total entartet. Sie ist aus einer Notfall-Einrichtung zu einem Selbstbedienungsladen geworden, in dem man Bequemlichkeiten einkauft. Diese Entwicklung bezahlt der Versicherte. Es ist gewissenlos, in der heutigen Situation diese Fehlentwicklung als soziales Anrecht anzusehen. Es ist soziales Unrecht, was da gerade am Minderbemittelten geschieht, es handelt sich um echte Ausbeutung im Sinne von Marx."

Die Erwähnung des Wortes " Solidarität " ist erstaunlich. Das Wort entstand in den sozialen Bewegungen des 19.Jahrhunderts und bedeutete soviel wie Zusammengehörigkeitsgefühl in einer Klassengenossenschaft. Gefühle können mit einer gesetzlichen Krankenversicherung nicht verbunden werden, denn eine solidarische Zwangsversicherung ist eine contradictio in adjektu. Daher an Gefühle für eine Zwangsgemeinschaft zu appellieren, die der Versicherte, ob er will oder nicht, mit erheblichen, ständig steigenden Beiträgen finanzieren muß, ist illusorisch und weltfremd. Die GKV wird ohnehin im allgemeinen als Zusatzbesteuerung oder staatliche Zwangssparkasse angesehen, von der man nach Möglichkeit die Zinsen des angesparten Kapitals abzuheben trachtet, wozu der Leistungsumfang der GKV reichlich Möglichkeiten bietet.
Verständlicherweise hat sich auch das Berufsbild des Arztes gewandelt. Als Erbringer einer Gesundheitsleistung wird er weniger wegen Krankheiten aufgesucht als vielmehr wegen Befindlichkeitsstörungen, zur Gesunderhaltung mittels Leistungen der GKV, zur Erlangung der zahlreichen Ansprüche, die ein Krankheitsfall auslöst, oder einfach - nicht ganz zu Unrecht -,um die "Zinsen" abzuheben. Da unter diesen Bedingungen die Arztdichte beliebig erhöht werden kann, müssen Zulassungssperren verhängt werden. Vom ursprünglichen (überholten) Berufsbild des Arztes aus gesehen, bedeutet das : je mehr Ärzte, desto mehr Kranke. Was einmal damit begann, 8% der Bevölkerung zu zwingen, ihre Arztrechnung zu bezahlen zu können, hat sich zu einem Großkonzern entwickelt, der sich ständig erhöhende astronomische Summen verschlingt, die er von 92% der Bevölkerung eintreiben muß. Nach dem Willen mancher Politiker sollen es bald 100 % werden.
Man muß schon etwas von Krankheit und Gesundheit verstehen, wenn man den Leuten erklären will, warum sie nicht selbst für ihre Gesundheit sorgen können und sich deshalb von den Politikern mittels ihres " Gesundheitssystem" ausbeuten lassen müssen. Das finanzielle Debakel ist nur eine Seite des " Gesundheitssystems ". Auch die von den Ärzten als " Gesundheitsvorsorge " zu erbringende " Präventivmedizin " ( ein fragwürdiges Wort, das eigentlich Vorsorgeheilkunde bedeutet) ist angesichts der anschwellenden Flut von selbstverschuldeten Krankheiten erfolglos.

Eine ganz andere Quelle zur Erweiterung der politmedizinischen Terminologie bot die kritiklose Übernahme amerikanischer Worte und Begriffe. Obwohl von vielen deutschen Linksintellektuellen ein Antiamerikanismus gepflegt wird, haben diese keine Hemmungen, den - wie sie glauben - letzten medizinischen Fortschritt - aus dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten in dessen Sprache zu übernehmen. Es wirkt zuweilen schon rührend, wie sich die derzeitige Ministerin für Gesundheit mit
" DRGs" ( Diagnosis related Groups ) " DMPs " ( Disease management treatment ) über Wasser zu halten versucht. Die deutschen Worte “Fallpauschale“ und “Spezialbehandlung“ wären zu simpel. Die amerikanischen Worte, glaubt sie wahrscheinlich, legetimieren ihr Bemühen als fortschrittlich und fast unangreifbar. Die schleichende Amerikanisierung ist indessen nicht nur auf die Politikerkaste beschränkt. Leider ist ihr auch die medizinische Zunft oft erlegen.
Ich will hier nicht das Motivationsgeflecht untersuchen, das diese Entwicklung ermöglichte. Hier soll nur als ein wichtiger Faktor der damit verbundene und mitverursachende Sprachverfall beschrieben werden, denn dazu sagte schon ein weiser Chinese vor 2500 Jahren :

" Wenn eine Sprache nicht richtig gebraucht wird, dann ist das,was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist. Dann wird auch das, was getan werden muß, ungetan bleiben. Dann aber verfallen Sitten und Kunst, die Gerechtigkeit wird schief, und die Menschen werden in einem ratlosen Durcheinander dastehen." (Konfuzius).

Literatur:

1.) H. Seiffert: Einführung in die Wissenschaftstheorie I, C.H. Beck
2.) R.Groß/M.Löffler: Prinzipien der Medizin, Verlag Springer 1997
3) Bertelsmann - Universallexikon 1996
4.) DÄB (Deutsches Ärzteblatt), 1991,28/29, S.1369
5.) F.Beske/J.Hallauer :Das Gesundheitswesen in Deutschland 3.Auflage 1999
6.) DÄB 1983,22, S.46
7.) C. Ruda: Der gefesselte Mensch, Neurose und Gesellschaft, Ullstein 1986
8.) "Die Welt", 14.4.01, S.14
9.) Sozialpolitische Informationen des BM für Arbeit und Sozialordnung 1987/ 12,
Jhg.XI/19, S.7
10.) Siehe 5.)
11.) DÄB, 2000, Heft, 20 S. C-1057
12.) DÄB, 1992, Heft 24, S. C-1171
13.) Siehe 6.)
14.) DÄB, 2000, Heft 25, S. C-1299
15.) "Die Welt ", 22.11.1987
16.) H. Baier: " Ehrlichkeit im Sozialstaat " Edition Interfromm , DÄB, 1986, Heft 17
17.) H. Schaefer: Strukturfragen im Gesundheitswesen in der Bundesrepublik
Deutschland, Wissenschaftliches Institut der Ortskrankenkassen WIDO
Materialien 1983.