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Buch: Der gefesselte Mensch

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Die Naturheilkunde in Berlin

Berliner Ärzteblatt 1999

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Berlin war von jeher eng mit der Naturheilkunde verbunden. So ist es sinnvoll, einen Blick auf ihre Geschichte in unserer jetzt wiedervereinigten Stadt zu werfen. Daß sie auch heute und morgen Bedeutsames zu sagen hat, wird zu zeigen sein.

Das Wort „Naturheilkunde" ist aus einem Gegensatz zur offiziellen Medizin heraus entstanden. Als seit Mitte des vorigen Jahrhunderts vorwiegend Laien wie Prießnitz und Kneipp durch Hydrotherapie und Änderung des Lebensstils ihrer Kranken Heilerfolge erzielten, die mit den Mitteln der sogenannten Schulmedizin nicht zu erreichen waren, entwickelte sich bald eine Bewegung von Laien und Ärzten, die nach oft leidenschaftlichen Auseinandersetzungen schließlich dazu führte, daß manche dieser Naturheilverfahren auch in die offizielle Medizin aufgenommen wurden und das Fach an einigen Universitäten gelehrt wird. Das Wort Naturheilkunde hat heute vor allem in Laienkreisen wieder einen guten Klang. Angesichts der Krise, in der sich die Medizin befindet, wird es wohl noch einige Zeit als notwendige Antithese erhalten bleiben. Mit mehr formalem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit bedient man sich heute der Termini „Physiotherapie", „Physikalische oder Physikalisch-diätetische Therapie", neuerdings spricht man sogar, nachdem die Politiker das Wort „Rehabilitation" in die Medizin eingeführt hatten, von „rehabilitativer" Medizin. Eine klare Abgrenzung oder Zuordnung bestimmter Heilverfahren dazu besteht nicht, immer handelt es sich aber um Hydrotherapie, Ernährungstherapie, Bewegungstherapie, Massage, Heliotherapie und vor allem um Beratung zur Korrektur eines krankmachenden Lebensstils. Naturheilkunde war immer „Gesundheitserziehung". Bircher-Benner, der sehr einflußreich in der Ernährungstherapie war, hat dafür das Fachwort „Ordnungstherapie" geprägt. Man könnte besser auch von „Verhaltenstherapie" sprechen. Dieses Wort wird allerdings bereits mit festem Begriff in der Psychotherapie gebraucht. So bleibe es zunächst bei „Ordnungstherapie". In einer Zeit wie der unseren, in der die große Mehrzahl aller Krankheiten durch einen falschen Lebensstil verursacht wird, müßte Ordnungstherapie in der gesamten Heilkunde - gleich welcher Art - eigentlich an erster Stelle stehen. Im wesentlichen ist Naturheilkunde aber arzneilose Behandlung.

Überflüssig war und ist der Streit zwischen Naturheilkunde und Schulmedizin. Er zeigt nur den niedrigen Stand unserer wissenschaftlichen Kultur. Innerhalb einer das gesamte Spektrum der Heilkunde erfassenden „Funktionellen Therapie" haben die Naturheilverfahren ihren gesicherten Platz.[1] Getragen wird die Naturheilkunde von Ärzten in Krankenhäusern, Ärzten in eigener Praxis, die auch in Vereinen zusammengeschlossen sind, und Laienverbänden, die sich um Lebensweise und Heilweise bemühen (Kneipp-Bund, Prießnitz-Bund).

Das sei vorausgeschickt, um den wissenschaftlichen und historischen Rahmen der Naturheilkunde in Berlin zu beschreiben.

I. Naturheilkrankenhaus Groß-Lichterfelde

Ernst Schweninger

Die Einführung der Naturheilkunde war mit dem Wirken ärztlicher Persönlichkeiten verbunden, die das Neue und Andersartige, das im wesentlichen von Laienbehandlern eingeführt worden war, gegenüber einer konservativen medizinischen Umwelt vertraten. Dem neuen Fach war es in Berlin sehr dienlich, daß man 1880 Ernst Schweninger aus Bayern an das Krankenlager Bismarcks rief, der ihn zu seinem Leibarzt machte. Der mit 116 kg erheblich übergewichtige Bismarck war mit Arzneien ohne Erfolg behandelt worden, außerdem hatte ihn der Internist der Charite, Prof. Frerichs, wegen Leberkrebses aufgegeben.

Hier griff nun ein Arzt energisch und mit Erfolg in den Lebensstil seines Patienten ein. Mit unterkalorischer Ernährung, Packungen, Teilbädern, leichten Massagen und angemessenem Ausgleich zwischen Bewegung und Ruhe erreichte er eine erhebliche Gewichtsabnahme (1881: 116,0 kg, 1883: 101,0 kg) und ständiges Wohlbefinden, so daß Bismarck noch 18 Jahre lebte und davon 10 Jahre aktiv tätig war. [2]

Verständlich, daß ihm Bismarck einen größeren Wirkungskreis verschaffen wollte. Als an der Charite der Lehrstuhl für Hautkrankheiten frei wurde, hat er ihn gegen den Widerstand der Fakultät 1884 Schweninger übertragen.

Neben seiner klinischen Tätigkeit war dieser auch erfolgreich in eigener Praxis in Berlin tätig, wo er als „Entfettungsdoktor" besonderen Zulauf hatte. Als ihm jedoch im Jahre 1900 vom Landrat des Kreises Teltow, von Stubenrauch, die Leitung des neuerbauten Kreiskrankenhauses Groß-Lichterfelde angeboten wurde, beendete er seine Tätigkeit als Hautarzt, um sich einem breiter gefächerten Krankengut zuwenden zu können. So wurde das später nach Stubenrauch benannte Krankenhaus zum ersten Krankenhaus für Naturheilkunde in Deutschland. Die Gebäude stehen heute noch in der Straße „Unter den Eichen". Ihre wechselvolle Geschichte hat Stürzbecher beschrieben.[3]

Schweninger hat dort nur fünf Jahre gewirkt und seine Tätigkeit in Jahresberichten dokumentiert. Alle seine Ideen hat er nicht verwirklichen können. Die Zeit war für so ein Unternehmen noch nicht reif. Mag sein, daß er als kämpferische Natur, die er nun einmal war, mehr Gegner hatte, als es sachliche Auseinandersetzungen mit sich bringen. 1906 hat er in einer Schrift mit der ihm eigenen Offenherzigkeit seine Meinung vertreten. Sie gehört zu dem Besten, das über den Arzt und seine Stellung in der Gesellschaft geschrieben wurde, und ist noch heute aktuell"I. [4] Die Sache der Naturheilkunde wurde aber vorangebracht und von seinen Schülern, insbesondere von Emil Klein, der einen Lehrstuhl für Naturheilkunde in Jena erhielt, und Georg Hauffe, weiter vertreten. Hauffes Wirken fand in die Medizin bald Eingang, als man nämlich die von ihm untersuchten ansteigenden Teilbäder in Form der Unterarmbäder benutzte, um Venen am Arm punktionsfähig zu machen (Ansteigende Unterarmbäder nach Hauffe oder Hauffe-Schweninger).

II. Hydrotherapeutische Anstalt der Charite

Ludwig Brieger

Als die Heilerfolge der Wasserbehandlung des Bauern Vinzenz Prießnitz und später des Pfarrers Kneipp in Fach- und Laienkreisen mehr und mehr bekannt wurden - nach Prießnitz' Tod 1851 hatte sich an seinem Wirkungsort Gräfenberg ein Kurort unter ärztlicher Leitung entwickelt - sah sich die Wiener Fakultät vor die Notwendigkeit gestellt, das Verfahren wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Gräfenberg gehörte damals zu Österreich. Betraut wurde damit der Internist Winternitz, der sich vor Ort sachkundig machte und auf Vorschlag der Wiener Fakultät 1899 daselbst eine ordentliche Professur für Hydrotherapie erhielt. Als danach auch an deutschen Universitäten und im Ausland Institute dieser Art eingerichtet wurden, geriet man in Berlin in Zugzwang. Es wurde deshalb Prof. Ludwig Brieger von der Charite zu Winternitz nach Wien entsandt und, dort ausgebildet, 1901 zum Leiter einer „Hydrotherapeutischen Anstalt" an der Charite ernannt, die man kurzfristig in der Luisenstraße gebaut hatte. Da man das Gebäude aber bald anderweitig benötigte, wurde sie 1905 in den Neubau des Poliklinischen Instituts für Innere Medizin in der Monbijoustr. 2 verlegt. Das freie Gelände, vor dem Neubau, auf dem früher das im Kriege zerstörte Schloß Monbijou stand, wurde jetzt zu einem Freizeitpark umgestaltet. Brieger wirkte hier bis zu seinem Tod 1917. Inzwischen war die „Naturheilbewegung" unter Laien und Ärzten so angewachsen, daß sich die Politiker dafür einsetzten.


III. Universitätsklinik für natürliche Heil- und Lebensweisen

Franz Schönenberger

Am 23. Mai 1919 wurde vom Preußischen Landtag ein Gesetz verabschiedet, wonach an allen Universitäten der theoretische und praktische Unterricht in der „Allgemeinen Therapie (Naturheilkunde)" erweitert werden soll und zu diesem Zweck neue Lehrstühle an den Universitäten einzurichten seien. In Berlin wurde dazu der hier tätige praktische Arzt Franz Schönenberger berufen. Die Klinik erhielt den Namen: Universitätsklinik für natürliche Heil- und Lebensweisen. Mit der Namensgebung wurde dem Laienverband der Naturheilbewegung, dem „Deutschen Bund für naturgemäße Lebens- und Heilweise" (Prießnitzbund), entsprochen, in dem Schönenberger das Verbandsorgan „Der Naturarzt" herausgab. Der langjährige, verdienstvolle Vorsitzende dieses Bundes, der Berliner Paul Schirrmeister, hatte schon vor dem ersten Weltkrieg in einer Denkschrift an die Landesregierungen die Errichtung von Lehrstühlen für Naturheilkunde gefordert. In der Benennung zeigte sich aber auch, daß die Vertreter der Naturheilkunde, die man „Naturärzte" nannte - eine Bezeichnung, die hier beibehalten werden soll -, seit ihrem Bestehen die Vorbeugung durch Belehrung der Menschen, die Gesundheitserziehung, als ihre Aufgabe ansahen, sie waren stets auch Gesundheitsapostel, der Begriff „Volksgesundheit" lag ihnen immer nahe.

Die Tätigkeit Schönenbergers endete mit seinem Tod 1933. Sie war nicht so erfolgreich, wie erwartet. Er hatte dieselben Schwierigkeiten wie seinerzeit Schweninger. Immerhin war ein Lehrstuhl geschaffen. Außerdem wurde während seiner Amtszeit mit den privaten Mitteln des Prießnitzbundes dank der Aktivität Schirrmeisters das Prießnitz-Krankenhaus als Krankenhaus für Naturheilkunde in Mahlow bei Berlin gebaut. Schönenberger war dort von 1927 bis 1929 erster Chefarzt in Personalunion mit der Universitätsklinik. Das Prießnitz-Krankenhaus in Mahlow, mit Berlin bis 1963 organisatorisch verbunden, liegt in der Mark Brandenburg. Seine Geschichte sei einer gesonderten Abhandlung vorbehalten.

Interregnum

Der Lehrstuhl wurde ab 1933 kommissarisch von W. Jansen und danach von dem Hämatologen R. Jürgens geleitet. Man könnte diese Zeit für die Naturheilkunde in Berlin übergehen, wenn sich nicht im Deutschen Reich für diese Fachrichtung Bedeutsames ereignet hätte. Einige Persönlichkeiten der nationalsozialistischen Führung sympathisierten mit der Naturheilkunde, die sowohl von den Ärzten als auch von der immer größer werdenden Schar der Heilpraktiker ausgeübt wurde, deren Zahl nach zeitgenössischen Schätzungen annähernd die der approbierten Ärzte erreicht haben soll.[5] Man wollte damals eine neue deutsche Heilkunde als Zusammenschluß von Naturheilkunde und Schulmedizin ins Leben rufen, denn eine Krise in der Schulmedizin war nicht zu übersehen. Als bedeutender Naturarzt hatte sich Alfred Brauchte (1898-1964), Schüler von Schönenberger, profiliert. Von 1929 bis 1934 war er Leiter des Prießnitz-Krankenhauses in Mahlow bei Berlin. Auf der Welle dieser politischen Begünstigung hatte er 1934 in Dresden eine Klinik erhalten, wo in Gemeinschaftsarbeit mit dem Vertreter der Schulmedizin, L. R. Grote, die Verfahren der Naturheilkunde überprüft werden sollten, was Brauchle auch mit Erfolg tat.[6] Vor allem konnte er seine Bücher über Naturheilkunde mit entsprechenden Vermerken der Begünstiger veröffentlichen[7]. Diese Förderung endete Ende der dreißiger Jahre, hatte aber zur Folge, daß man Brauchle immer mit dem Nationalsozialismus in Verbindung brachte und er nach dem Kriege bis zu seinem Tod kaum mehr veröffentlichte. Die Förderung der Naturheilkunde durch die Nationalsozialisten wurde unfairerweise von ihren Gegnern ausgenutzt. Brauchle hat zwar als Assistent bei Schönenberger gearbeitet, seine Bedeutung für Berlin liegt aber darin, daß zwei seiner Schüler hier später wirkten.

Paul Vogler

Auf Drängen der Berliner Fakultät (Siebeck, v. Bergmann) wurde 1939 der Berliner Lehrstuhl an Paul Vogler vergeben.[8] Damit begann erneut eine sehr fruchtbare Zeit der Naturheilkunde in Berlin. Vogler war nicht von Politikern, sondern von der Fakultät berufen worden. Er war Schüler von Emil Klein, der seit 1924 den zweiten deutschen Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Universität Jena innehatte. Voglers Verdienste um das Fach waren sehr vielfältig. Seit Beginn seiner Tätigkeit sah er es als vordringlich an, mit Strömungen der Naturheilkunde, die auf fragwürdigen Privatpathologien, metaphysischen Spekulationen und Naturschwärmerei aufbauten, zu brechen. In seinem Bemühen um strenge Wissenschaftlichkeit gab es keine Auseinandersetzungen mit der „Schule" , die nach v. Bergmanns „Funktioneller Pathologie" auch nicht mehr am morphologischen Substrat der Zellularpathologie klebte. Die Standardisierung der Hydrotherapie, die Einführung zweier mechanotherapeutischer Verfahren (Periostbehandlung, Colonbehandlung) und seine Gesundheitslehre von den „Grundfunktionen" seien hier genannt. Weg von Apparaturen und Schematismus, hin zur individuell angepaßten Behandlung, besser aktive als passive Bewegungsübungen waren seine Prinzipien. Seine Interessen umfaßten aber auch den Krankenhausbau und den Städtebau.

Sehr nützlich für ihn war es, daß er sich der Hilfe zweier Mitarbeiter versichern konnte: Lothar Strassburg und Herbert Krauß waren Brauchle-Schüler und wissenschaftlich geschulte Naturärzte. Über das Wirken beider wird noch zu berichten sein.

Die Universitätsklinik lag nach 1945 im russischen Sektor, wodurch die Entwicklung der Naturheilkunde in Ost und West unterschiedlich verlief. Wie Vogler feststellte [9] kam es ihr sehr zustatten, daß ihre Verteter im Osten auf die Rolle der Physiotherapie in der Sowjetunion verweisen konnten, die dort neben der chirurgisch und pharmakologischen Therapie gleichwertig in jedem Krankenhaus vertreten war. Außerdem verstand es Vogler, unter Berufung auf die Pawlow-Bykow Schule in diesem Trend geschickt zu taktieren. So gefördert, wurde in den Bucher Kliniken 1950 eine weitere Abteilung für Naturheilkunde (Klinik für physikalisch-diätetische Therapie mit 200 Betten) eingerichtet. Außerdem wurden zwei Institute für ambulante physikalische Therapie (Weißensee 1950, Löwestr. 1955) geschaffen. Die Indikationsbreite der physikalischen Therapie in den Ostblockländern war verständlicherweise umfangreicher als in der Bundesrepublik, da hier der Einfluß einer prosperierenden pharmazeutischen Industrie fehlte.

Mit dem Prießnitz-Krankenhaus in Mahlow, dem Vogler seit 1940 in Personalunion mit der Klinik in der Charite verbunden war, der neuen Klinik in Buch und seiner Privatklinik am Kurfürstendamm leitete Vogler bis 1953 gleichzeitig vier Kliniken. Darüber hinaus hatte er im Krankenhaus Moabit eine Schule für Krankengymnastik eingerichtet, der er als Direktor vorstand.

Seinem Organisationstalent war es schließlich zu verdanken, daß das Gebäude in der Monbijoustraße bald wieder aufgebaut wurde. In diesem Haus entstand durch Ausbau des Dachgeschosses wieder die Universitätsklinik als Station mit 30 Betten, außerdem wurde die Poliklinik in das Gebäude verlegt, so daß drei Stockwerke davon der Naturheilkunde zur Verfügung standen.

Vogler gab die Klinik in Buch 1953 an Krauß ab. Bis 1963 war er Chefarzt in Mahlow und bis zu seiner Emeritierung 1964 Ordinarius an der Charite.

Herbert Krauß

Das weitere Schicksal von Lehrstuhl, Klinik und Poliklinik in der Monbijoustraße war sehr wechselvoll. Mit der Leitung wurde nach Voglers Weggang sein Schüler Klingler-Mandig beauftragt, der sie kommissarisch zwei Jahre lang ausübte, bevor man sich 1965 entschloß, Herbert Krauß damit zu betrauen. Jetzt begann noch einmal eine fruchtbare Zeit für die Naturheilkunde, obwohl ihr Stern in der DDR bereits im Sinken war. So wurde der Name in „Physiotherapie" umbenannt und die Diätetik als eigenes Fachgebiet abgetrennt. Hatte man Vogler noch den Neubau einer Klinik von 150 Betten zugesagt [8] , so verfügten die Behörden der DDR 1966 die Schließung der Universitätsklinik, weil man deren Räume als Büro eines „Instituts für neuere Medizingeschichte" benötigte.

In Personalunion mit der Klinik in Berlin-Buch, über die anschließend zu berichten ist, hatte Krauß jedoch Gelegenheit, mit entsprechendem Krankengut sein Wissen und seine Erfahrung der kommenden Generation weiterzugeben. Als Lehrstuhlinhaber war es auch seinem Einfluß zu verdanken, daß „Physiotherapie" in der DDR als klinische Disziplin mit eigener Facharztbezeichnung anerkannt wurde.

Schon Ende der sechziger Jahre berichtete mir Krauß von politisch motivierten Ärgernissen. Offensichtlich hatten diese gezielt so zugenommen, daß der politische Apparat 1972 seinen Rückzug aus der Universität durchsetzen konnte. „Einen dornenreichen Weg in der Universität hatte der parteilose Professor hinter sich", wie Rohde berichtet. [10]

Mit der Nachfolge wurde sein Oberarzt Dr. E. Conradi beauftragt. In den achtziger Jahren wurden Poliklinik und Badeabteilung nach dem Neubau des Charite-Hochhauses wieder in die Luisenstraße verlegt, wo sie als „Poliklinik für Physikalische und rehabilitative Medizin" mit Lehrstuhl von E. Conradi weitergeführt wurden.

Mit Krauß' Entlassung endete diese für die Naturheilkunde so fruchtbare Epoche an der Charite. Inwieweit das Gedankengut, das in der Monbijoustraße erarbeitet wurde, heute hier noch wirksam ist, konnte ich nicht erfahren.

IV. Klinik für Physikalisch-diätetische Therapie Berlin-Buch

Herbert Krauß

Als die Klinik im Jahre 1950 gegründet wurde, hatte sie 200 Betten. Vorbehalte gegen Klinik und Leitung waren aus etlichen Gründen vorhanden. Paul Vogler war Chef mehrerer Klinken, auch hat er es stets abgelehnt, seinen Westberliner Wohnsitz aufzugeben und in das Gebiet der DDR überzusiedeln. Als 1953 sein Oberarzt Dr. Vetter die DDR verließ, sah man die Gelegenheit gekommen, um einen Gebäudeteil mit 100 Betten aus der Klinik herauszunehmen. In den Jahren 1993-1994 wurde dann durch Umbauten (Verkleinerung großer Säle) die Bettenzahl auf 65 reduziert und bis heute nicht mehr verändert.

Als Vogler die Leitung der Bucher Klinik abgab, konnte er als seinen Nachfolger keinen geeigneteren finden als seinen Oberarzt Herbert Krauß. Dieser war durch seine wissenschaftliche Vorbildung bei Brauchle und durch seine Arbeiten bei Vogler für diese Aufgabe geradezu prädestiniert. Er fand hier das für ihn ideale Tätigkeitsfeld, in dem er seine Vorstellungen von Naturheilkunde in einer eigenen Klinik verwirklichen konnte. Auch ließen ihm hier die politischen Gegebenheiten ausreichend Spielraum, nicht zuletzt auch deshalb, weil er in zahlreichen populärwissenschaftlichen Büchern zur Gesunderhaltung und Arbeitsfähigkeit der „Werktätigen" beitrug. Die Klinik in Buch baute er zu einer Lehrstätte aus, in der an den experimentell-wissenschaftlichen Grundlagen seines Faches weiter gearbeitet wurde. Seit 1964 bemühte er sich erfolgreich, die Chiropraktik in die Naturheilkunde einzuführen, wozu er wisenschaftliche Kontakte mit Prager Fachleuten anknüpfte.

Bei einem meiner Besuche in den siebziger Jahren erzählte mir Krauß, daß sich seine Klinik zu seinem Leidwesen vordringlich mit Fettsucht und deren Folgen beschäftigen müsse. Auf den überall zu beobachtenden Panoramawechsel innerer Krankheiten hatte sich Krauß bald eingestellt.

Der jetzigen Ärztegeneration ist das größte Ernährungsexperiment der Neuzeit in den Kriegs- und Nachkriegsjahren mit strenger Nahrungsmittelrationierung meist nicht bekannt. Es wird an anderer Stelle erneut darüber zu berichten sein. Erwähnt sei vorerst, daß mir in meiner klinischen Ausbildung (1948-1951) in der Vorlesung für innere Medizin bei Th. Brugsch an der Charite kein Herzinfarkt vorgestellt werden konnte, da es keinen gab. Gleiches hat H.H. Berg über Hamburg berichtet [11]. Mit der danach einsetzenden „Freßwelle" begann jener Verfall der Volksgesundheit, dem wir heute gegenüberstehen.

Als sozialmedizinisches Problem spielte die Fettsucht in der DDR eine außergewöhnliche Rolle. Nach Möhr waren 1975 40% der Frauen und 20% aller Männer übergewichtig. Der ProKopf-Zuckerverbrauch betrug 1960 29 kg, 1973 36 kg. Der Fleisch-und Wurstverzehr mit seinen verborgenen Fetten war von 55 kg auf 74 kg gestiegen. Der Butterverbrauch erreichte mit dem Anstieg auf 14,1 kg die Weltspitze (zitiert nach 12).

Zwei Arbeiten aus Krauß' Klinik zum Thema (1976) sind zu erwähnen: Franz-Mikoleit berichtete über die Erfolge einer gezielt ambulant-stationär durchgeführten Fettsuchtbehandlung [12] , Bornmann, Müller und Steglich über den Einfluß gewichtsreduzierender Behandlung auf die Glukosetoleranz [13].

An anderer Stelle habe ich gezeigt, daß das sozialmedizinische Problem der Fettsucht ein sozialpsychologisches Phaenomen ist. [14]

Es gab kaum einen Arzt und Wissenschaftler in dieser Zeit, der wie Krauß so fruchtbar für seine Sache arbeiten konnte. Erwähnt werden muß aber auch, daß ihn in seiner ärztlichen und wissenschaftlichen Tätigkeit seine Oberärzte, vor allem Dr. Bulla, Dr. Franz-Mikoleit und Dr. Steglich, eine wertvolle Unterstützung waren.

Krauß' Interessengebiet ging aber weit über seine ärztliche Tätigkeit hinaus. Schon in den fünfziger Jahren waren für ihn ökologische Fragen aktuell. Sein Interesse reichte von biologisch-dynamischer Landwirtschaft bis zu natürlichem Waldanbau, und er verstand es, mit Wissenschaftlern dieser Gebiete (Dr. Rohde, H. Bier, dem Sohn des Chirurgen Bier, der das Waldanbauexperiment seines Vaters fortführte,) einen fruchtbaren Gedankenaustausch zu pflegen. Seine letzte Veröffentlichung galt dem Werk August Biers über dessen Waldanbaugebiet [15].

Nach einem erfüllten beruflichen Leben gab Krauß seine Klinik in Buch 1979 als 70-jähriger in die Hände seines Oberarztes Steglich. Eingedenk seiner Verdienste wurde der Klinik, die seit 1990 in „Klinik für Physiotherapie/Naturheilverfahren" umbenannt worden war, 1997 der Name „Herbert-Krauß-Klinik" verliehen.

Hanns-Dieter Steglich

Dank Krauß Arbeiten hatte die Klinik einen nationalen und internationalen Ruf erworben, den die DDR-Behörden nicht übergehen konnten. Auch deshalb konnte Krauß, wenn auch mit Schwierigkeiten, seinem Oberarzt Hanns-Dieter Steglich als seinem Wunschnachfolger die Klinik übergeben, obwohl dieser sich bei den DDR-Oberen weidlich unbeliebt gemacht hatte.

In den 17 Jahren seiner Tätigkeit als Leiter der Bucher Klinik hat Steglich den hohen wissenschaftlichen Stand des Hauses weiter ausgebaut. Zwar hatte er nicht die Verpflichtungen eines Lehrstuhlinhabers, aber als akademisches Lehrkrankenhaus der Charite hatte die Klinik eine wichtige Bedeutung für Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Physiotherapeuten. Selbst schon 1968 in Chirotherapie ausgebildet, war er seitdem auch als Lehrer für dieses Fach tätig. Das wissenschaftliche Programm bestand weiter in Untersuchungen zur Wirkungsweise physiotherapeutischer Anwendungen und Diätetik.

Als sehr hilfreich erwies sich, daß Krauß eine Klimakammer übernommen hatte. Diese wurde zu einer Stoffwechseluntersuchungsanlage ausgebaut und der Biochemiker Dr. Steiniger 1975 als Mitarbeiter der Klinik eingestellt. Außer einer Erweiterung der Diagnostik wurden dadurch grundlegende Untersuchungen zur Diätetik (Fasten, klinikeigene Diätformen u.a.) möglich und in zahlreichen Arbeiten laufend veröffentlicht (u.a. [16] ). Zur Rheumadiätetik wurde die Bedeutung der Fetternährung auf die Aktivität der Entzündungs-Mediatorstoffe dargestellt und dazu klinikeigene Bilanzen vorgelegt. Aber auch Grundfragen der Ernährungsphysiologie konnten in Gemeinschaftsarbeit mit dem Institut für Ernährung in Potsdam-Rehbrücke bearbeitet werden.

In Anerkennung ihrer Vorbildfunktion wurde die Diätküche der Klinik 1992/93 nach neuesten Gesichtspunkten umgebaut.

Die Untersuchungen zur Wirkung physiotherapeutischer Anwendungen waren umfangreich und bezogen sich vorwiegend auf Erkrankungen des Bewegungsund Stützapparates, aber auch der inneren Organe durch Segmenttherapie und auf Möglichkeiten, den Behandlungserfolg zu objektivieren. 1990 wurde ein Thermalschwimmbecken mit Hebevorrichtung für Behinderte eingerichtet und damit die therapeutischen Möglichkeiten erweitert.

Mehrmals wurde Steglich zur Aus- und Weiterbildung von Fachkräften in die „sozialistischen Nachbarländer" Rußland, Polen, Mongolei und auch Nordkorea eingeladen. Erst nach der Wende konnte er sein Wissen in den alten Bundesländern zur Verfügung stellen (Fortbildungskongresse für Naturheilverfahren in Freudenstadt, Berliner Naturheiltage, Europäische Gesellschaft für klassische Naturmedizin, Gesellschaft zur Förderung der Ganzheitsmedizin, Kneipp-Verein Berlin). Auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand im Herbst 1995 ist er in einigen Gesellschaften weiter tätig.

Jürgen Rohde

Mit Jürgen Rohde übernahm im Oktober 1995 ein Naturarzt die Klinik in Buch, deren Name jetzt „Klinik für Physiotherapie/Naturheilverfahren, Herbert-Krauß-Klinik" lautet. Rohde war seit 1970 am Prießnitz-Krankenhaus in Mahlow tätig, seit 1986 stand das Haus unter seiner Leitung. Er hat die wechselvolle Geschichte dieses Hauses nach dem Kriege miterlebt und beschrieben. Schon in Mahlow lag ihm daran, der Naturheilkunde mehr Breitenwirkung zu verschaffen. So organisierte er für die interessierte Ärzteschaft „Mahlower Naturheiltage", " letztmalig im April 1995. Diese Tradition setzte er erfolgreich in Buch fort. Jährlich finden dort seit 1996 die „Bucher Naturheiltage" statt, die der Begegnung und dem Gedankenaustausch unter Naturärzten und Angehörigen anderer Fachgruppen dienen. An die Laien wendet er sich regelmäßig unter dem Titel „Medizin populär" in der Ortszeitung „Bucher Bote".

Sein besonderes Interesse gilt der Chirotherapie , die jetzt auch „Manuelle Therapie" heißt, worüber er mehrere Arbeiten vorgelegt hat. In der kurzen Zeit seiner Tätigkeit hat er es verstanden, der Klinik sein eigenes Gepräge zu geben.

V. Städtisches Krankenhaus am Kreuzberg

Lothar Strassburg

Die Entwicklung der Naturheilkunde in den Westsektoren Berlins verlief anders als die im Ostsektor. Eine Förderung wie im Ostsektor - unter Berufung auf das Vorbild der Sowjetunion, das immer genügte - gab es nicht. Im Gegenteil: Die zeitweilige Begünstigung in der Hitlerzeit schlug ins Gegenteil um, wobei die Kritik an Personen leichtfertig mit der Kritik an der Sache verbunden wurde.

Im September 1945 wurde das St. Gertraudenstift für Stiftsdamen auf Befehl der amerikanischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und im Zuge der Seuchen-bettenaktion in ein Krankenhaus umgewandelt. Der damals leitende Arzt Dr. Dr. Heinrich und Dr. Hube, ein Naturarzt, der von 1934 bis 1940 das Prießnitz-Krankenhaus in Mahlow bei Berlin geleitet hatte, schufen hier die Grundlagen für eine spätere Abteilung für natürliche Heilweise. Vorausschauend, denn die Kliniken und der Lehrstuhl lagen im russisch besetzten Ostsektor, der zwar zugängig war, aber eine spätere Teilung der Stadt lag im Bereich des Möglichen. Als beide 1950 ausschieden, übernahm Dr. Braun als Chefarzt die Innere Abteilung. Da von den Laien- und Ärzteverbänden für Naturheilkunde eine eigene Klinik dringend gefordert wurde, kam man von Seiten der Behörde dem entgegen. 1951 trat Dr. Lothar Strassburg ins Krankenhaus am Kreuzberg ein und begann als Oberarzt eine eigene Abteilung aufzubauen, was gewiß nicht leicht war. Erst 1955 wurde die Abteilung für natürliche Heilweise als II. Innere Abteilung des Krankenhauses am Kreuzberg selbständig und Lothar Strassburg zum Leitenden Arzt ernannt. Die Abteilung verfügte über 80 Betten mit zwei Stationen.

Strassburg war ein ausgebildeter Naturarzt. Er war wie Krauß in Dresden bei Brauchle gewesen und hatte dann nach dem Kriege bei Vogler in der Monbijoustraße gearbeitet. Von 1951 bis 1967 hat er mit viel Energie und Begeisterung die Abteilung ausgebaut und ihr Anerkennung verschafft. Es war ein schwieriger Weg, denn für die Besonderheiten der Naturheilverfahren hatten weder die Kollegen des Hauses noch die Verwaltung Verständnis. Auch Strassburg konnte sich in schwieriger Zeit auf Mitarbeiter verlassen, die aus Überzeugung in seinem Sinne tätig waren. Von 1958-1965 war Dr.Werner Podszus sein Oberarzt, Frau Dr. Sigrid Das seine Assistentin, über beide wird noch zu berichten sein.

Günter Kuban

Als Strassburg 1967 aus Altersgründen ausschied, hatte er vorsorglich seinen Nachfolger, Dr. Günther Kuban, zwei Jahre als Oberarzt eingearbeitet. So konnte dieser am 1.1.1968 dann als Chefarzt der II. Inneren Abteilung die Klinik im bewährten Sinne weiterführen. An dieser Stelle wurde Günter Kuban vorgestellt, es sei darauf verwiesen.[17] Schwierig wurde die Lage der Klinik, als im Zuge der notwendigen Bettenreduzierung in Berlin das Krankenhaus am Kreuzberg geschlossen werden mußte. Nach vielen verwaltungstechnischen Wirren und einer Zwischenstation im Rudolf-Virchow-Krankenhaus konnte Kuban 1987, noch bevor er ein Jahr später in den Ruhestand trat, für die Klinik ihren vorerst endgültigen Stand im Krankenhaus Moabit erreichen, an dem sie sich heute noch befindet.

Seit Beginn der achtziger Jahre war in der Öffentlichkeit eine Wende hin zur Naturheilkunde festzustellen. Das allgemeine Unbehagen an einer Medizin, die sich nur als verlängerter Arm der pharmazeutischen Industrie begreift, ließ die Krise in der Schulmedizin wieder deutlich werden. Die Zahlen sprechen für sich:

Trotz der Fortschritte in der Arzneitherapie, insbesondere bei der Behandlung lebensbedrohlicher Zustände, werden ihre beschränkten Möglichkeiten zunehmend erkannt. Außerdem führt ihre kritiklose Anwendung nicht selten zu schädlichen Neben- und Nachwirkungen.

Obwohl ein großer Teil der Bürger weiter an die Wirksamkeit von Medikamenten glaubt und vom Arzt nur ein Rezept erwartet, erfreuen sich „alternative" Heilmethoden zunehmender Beliebtheit. Auch Krankenkassen werben mit deren Bezahlung, obgleich es hier nicht leicht ist, die Spreu vom Weizen zu trennen. Die Medizin in den Kurorten wird ebenfalls allgemein geschätzt. Balneotherapie, als eine Form der Naturheilkunde, wurde und wird den Sozialversicherten in großem Umfang gewährt, aber auch in zahlreichen Sanatorien und Kliniken für Selbstzahler werden fast alle Methoden der Naturheilkunde für reisefähige Leichtkranke angeboten. Wer sich allerdings mit naturheilkundlichen Mitteln am Wohnort behandeln lassen will, wird sie derzeit mehr bei Heilpraktikern als bei Ärzten finden.

Angesichts einer so sensibilisierten Öffentlichkeit war es nicht verwunderlich, daß sich auch die Politiker, die sich ja für alles zuständig fühlen, u.a. auch aus volkswirtschaftlichen Gründen mit der Situation der Medizin im Lande beschäftigten. Schon 1982 wurde z.B. in den CDU-Sozialausschüssen die Forderung erhoben, daß das alte Wissen über natürliche Heilverfahren den Menschen wieder nahegebracht werden muß [21]. Mit der 7. Novelle zur ärztlichen Approbationsordnung 1989 wurden schließlich „Grundlagen, Möglichkeiten und Grenzen von Naturheilverfahren und Homoeopathie" in den Lehrinhalt des Medizinstudiums aufgenommen.

So vorbereitet, war der Schritt zur Errichtung eines Lehrstuhls für Naturheilkunde in Berlin nur folgerichtig. Die Fakultät hatte unter dem Dekanat von H.-J. Dulce keine Bedenken, der Anregung des Berliner Senats zu folgen, zumal das damals noch ummauerte West-Berlin eine weitere Attraktion medizinischer Ausstattung gewann. Durch seine Tätigkeit in der Hufelandgesellschaft war Dulce mit dem wissenschaftlich gesicherten Gedankengut der Naturheilkunde ohnehin vertraut. Auch die Ärztekammer Berlin unterstützte jetzt diese Fachrichtung, nachdem sie einige Jahre zuvor ohne Erfolg beschlossen hatte, die Zusatzbezeichnung „Natürliche Heilweise" wegen „Unwissenschaftlichkeit" abzuschaffen.

VI. Klinische Abteilung für Naturheilkunde im Krankenhaus Moabit / Universitätskrankenhaus Benjamin Franklin

Malte Bühring

1989 wurde Prof. Malte Bühring mit der Leitung der Abteilung für Naturheilkunde im Krankenhaus Moabit betraut. Aufgrund eines Kooperationsvertrages mit der Freien Universität Berlin wurde er gleichzeitig auf den daselbst wieder eingerichteten Lehrstuhl für Naturheilkunde berufen. Die Abteilung besteht als III. Innere Abteilung mit 60 Betten und Ambulanz.

Mit großer Anteilnahme hat die Öffentlichkeit das zur Kenntnis genommen. Bühring kam aus dem Arbeitskreis von K. Pirlet in Frankfurt/Main und war durch seine Arbeiten über UV-Bestrahlung und Hyperthermie unter den Naturärzten in Berlin bekannt. Schwerpunkt seiner Naturheilkunde sind die von ihm als, "klassisch" bezeichneten Naturheilverfahren im Sinne der fünf Säulen des Pfarrers Kneipp mit Hydro-, Bewegungs-, Ernährungs-, Phyto- und Ordnungstherapie. Sein Interesse gilt aber auch ethnomedizinischen Fragestellungen. So befinden sich unter den Ärzten seiner Klinik fast regelmäßig Mitarbeiter, die in Traditioneller Chinesischer Medizin ausgebildet sind [22]. In der modernen Medizin stellt der geisteswissenschaftlich geschulte Bühring einen Verlust an Transzendenz und Spiritualität fest, womit, wie er meint, die metaphysische Dimension der Natur verlorengegangen ist. Hier sieht er große Aufgaben und Möglichkeiten der klassischen Naturheilverfahren, da für ihn Metaphysik in keinem grundsätzlichen Gegensatz zu moderner Schulmedizin steht [23].

Großen Wert legt er auf die somato-psychische Einflußnahme auf den Patienten, die von ihm durch verschiedene Verfahren der körperorientierten Psychotherapie und künstlerischen Therapie ergänzt wird.

Das allgemeine Interesse an Fragen der Naturheilkunde erfordert sachkundigen Rat, den Bühring als Lehrstuhlinhaber in diversen Gremien und Organisationen erteilen muß. Anläßlich seines 60.Geburtstages fand am 16.1.1999 ein Symposium statt, auf dem nicht nur das Wirken des Jubilars gewürdigt, sondern auch der gegenwärtige Stand der Naturheilkunde von namhaften Vertretern des Fachs beurteilt wurde.

Ärztegesellschaft für Naturheilverfahren

Ärztliche Vereinigungen für Naturheilkunde waren schon im neunzehnten Jahrhundert gegründet, in der Hitlerzeit jedoch aufgelöst worden. So war es nur folgerichtig, daß sie nach dem Kriege wiedererstanden. In Berlin wurde die „Ärztegesellschaft für Naturheilverfahren" 1950 eingetragen. Gründungsmitglieder waren die Berliner Ärzte Graaz, Hamann, Hube, Krauß, v. Roques, Schirrmeister, Schwarz und Vogler. Erster Vorsitzender wurde L. Strassburg, zweiter Vorsitzender sein Oberarzt W. Podszus. Beiden Klinikärzten wurde damit ein über den Klinikbereich hinausragender Wirkungskreis eröffnet. Als sich Strassburg 1968 zurückzog, übernahm Dr. Rudolf Wilhelm den Vorsitz des Vereins, den er 20 Jahre innehatte und für den er schon seit 1951 als Schriftführer tätig war. Sein Wirken war außerordentlich erfolgreich. In einer Zeit, in der sich die Naturheilkunde noch in einer Verteidigungsstellung befand, hat er sich tatkräftig für sie eingesetzt. Vor allem ihm ist es zu verdanken, daß die Klinik für natürliche Heilweisen in Kreuzberg, jetzt im Krankenhaus Moabit, für die West-Berliner erhalten blieb. Als die Delegiertenversammlung der Berliner Ärztekammer dem Antrag eines Arztes zustimmte, die Zusatzbezeichnung „Naturheilverfahren" zu streichen, hat Wilhelm erfolgreich dagegen gestritten. Auch für die Laienbewegung der Naturheilkunde war Wilhelm rege tätig. So hat er das Verbandsorgan des Naturheilbundes (Prießnitzbund), „Der Naturarzt", von 1967 bis 1975 als Schriftleiter betreut. Mit leichter Hand und spitzer Feder hat er sich hier für das Gedankengut der Naturheilkunde eingesetzt. Außer den unumgänglichen Kommentaren zum Vereinsleben konnte er an dieser Stelle auch immer wieder dem erzieherischen Auftrag der Naturheilkunde zur Gesunderhaltung der Menschen entsprechen. Als 1961 die Verbindung zur Ostzone abgebrochen wurde, hat Wilhelm es verstanden, die Kontakte zu den Kollegen im Osten, insbesondere zu H. Krauß, weiter zu pflegen. Nach 20 Jahren Tätigkeit als Vorsitzender hat Wilhelm sein Amt niedergelegt. Seitdem ist er der Naturheilkunde als kritischer Beobachter, der auch gelegentlich zur Feder greift [24], verbunden.

Das Wirken zweier Mitglieder der Berliner Naturärztevereinigung verdient besondere Aufmerksamkeit: In Vorträgen und Publikationen haben Dr. Sigrid Das [25] und Dr. Werner Podzsus beharrlich versucht, die Ideen der Naturheilkunde der Öffentlichkeit und auch den Ärzten nahezubringen. Frau Dr. Das hat u.a. auf das Verfahren des österreichischen Arztes Franz Xaver Mayr hingewiesen, durch dessen Methode der „Darmreinigung" mittels seiner Milch-Semmelkur die Diätetik sinnvoll erweitert wurde. Ganz entgegen der bis dahin in der Naturheilkunde bevorzugten Rohkost ist sie heute fester Bestandteil natürlicher Heilweisen.

Die Wende zur Naturheilkunde, erzwungen durch die öffentliche Meinung, Bühring spricht sogar vom „Druck der Straße" [26], haben erst Wilhelms Nachfolger nutzen können. Hinzu kam, daß in den standesrechtlichen Regeln die Zusatzbezeichnung „Naturheilverfahren" festgeschrieben wurde, womit jetzt durchaus auch wirtschaftliche Interessen verbunden sein können.

Von 1988 bis 1992 war Frau E. Unmüßig Vorsitzende der Berliner Ärztegesellschaft. Ihr folgte Dr. Stange, der als Oberarzt an der Klinik von Prof. Bühring tätig ist und gleichzeitig die „BioMed-Klinik" für angewandte Immunologie und Biomedizin in Beelitz bei Berlin leitet. Hier beschäftigt er sich mit komplementärer Onkologie und Immuntherapie.

Die Mitgliederzahl des Vereins nahm in den letzten zehn Jahren erheblich zu. Nachdem sie jahrelang zwischen 30 und 60 Mitgliedern schwankte, sind es jetzt etwa 200. Berücksichtigt werden muß dabei allerdings, daß nach dem Fall der Mauer auch Ärzte aus Brandenburg und dem Ostsektor Berlins hinzukamen. Der Verein wurde deshalb 1993 umbenannt und heißt seitdem „Ärztegesellschaft für Naturheilverfahren (Physiotherapie) Berlin-Brandenburg e.V.".

Verständlicherweise verlief die Entwicklung in Ost-Berlin anders. Unter der Leitung von P. Vogler wurde 1957 in Berlin die „Gesellschaft für physikalisch-diätetische Medizin" gegründet.

1962 wurde sie umbenannt in „Gesellschaft für Physiotherapie", die für die ganze ehemalige DDR zuständig war. Eine eigene Berliner Gesellschaft gab es nicht. Nach der Wiedervereinigung gründeten die etwa 300 Fachärzte den „Berufsverband der Fachärzte für Physiotherapie", der sich mit dem bundesdeutschen Verband zum „Berufsverband für physikalische und rehabilitative Medizin" vereinigte.

Laienverbände für Naturheilkunde

Schon bald nach dem Wirken ihrer Gründerväter konstituierten sich ein Deutscher Bund für naturgemäße Lebens- und Heilweise (Naturheilbund oder Prießnitzbund) und ein Kneipp-Bund.

Obwohl beide in der gleichen Richtung arbeiteten, unterschieden sie sich doch im Formalen. Kneipp hatte wesentlich mehr Breitenwirkung und verstand es, durch Bücher und Vorträge zu wirken, so daß oft der Eindruck entstand, die Naturheilkunde habe bei ihm begonnen. Der Prießnitzbund dagegen war nicht so werbewirksam, dafür aber kämpferischer. Er stritt von Anfang an mit seinem Organ „Der Naturarzt" gegen die Einseitigkeit der Schulmedizin und für durchgreifende Lebensreform. Unter der Leitung des weitblickenden Paul Schirrmeister hatte der Bund in den dreißiger Jahren schließlich 100000 Mitglieder [27]. Seiner Forderung nach Lehr- und Ausbildungsmöglichkeiten für Naturheilkunde war es schließlich zu verdanken, daß zwei Lehrstühle für Naturheilkunde (Berlin, Jena) eingerichtet wurden. Mit eigenen Mitteln, d.h. den Beiträgen seiner Mitglieder, baute der Bund 1927 das Prießnitzkrankenhaus als erstes Krankenhaus für Naturheilkunde in Mahlow bei Berlin.

Die Situation der Laienverbände für Naturheilkunde wurde, wie sie selbst, wesentlich von der allgemeinen gesellschaftlichen Lage bestimmt. Im Gebiet der alten Bundesländer war dies die Entwicklung der gesetzlichen Zwangskrankenversicherung, die fast die gesamte Bevölkerung erfaßte und die totale Entmündigung der Bürger zur Folge hatte. Einst als Notfalleinrichtung gegründet, wurde sie von inkompetenten Politikern zu einer Art Gesundheitsservice umfunktioniert, der, so Hans Schaefer [28], „ auf die Passivierung nicht nur des Patienten, sondern seiner ganzen sozialen und familiären Umwelt abgestellt ist". „Die gesetzliche Krankenversicherung ist", wie er treffend bemerkt, „zu einem Selbstbedienungsladen geworden, in welchem man Bequemlichkeiten einkauft". Das Schlucken einer Arznei z.B., deren Wirkung sogar in den Medien angepriesen werden darf, ist eben einfacher, als seinen Lebensstil zu ändern, was meist mit Opfern verbunden ist. Der Prießnitzbund war dieser Situation nicht gewachsen, da außerdem Persönlichkeiten wie Paul Schirrmeister und später Herbert Groening nicht mehr vorhanden waren. So verlor er zunehmend an Bedeutung. In Berlin ging der Prießnitzbund schließlich im Kneipp-Bund auf.

In dieser Situation war es ein Verdienst des Kneipp-Bundes, der die Bekanntheit seines Namens für sich hatte, an jene Menschen heranzutreten, die ihre Gesundheit nicht dem staatlichen Gesundheitsservice überlassen, sondern eigenverantwortlich dafür sorgen wollen. Unter der Leitung seines Vorsitzenden Arno Nadler konnte der Verein seine finanzielle Basis soweit stärken, daß er ein eigenes Vereinshaus in Wilmersdorf erwerben konnte. Nach der Wiedervereinigung hat er die Verbindung zu Dr. Steglich in der Herbert-Krauß-Klinik in Buch aufgenommen und durch eine Spende den Erwerb einer Computeranlage zur Stoffwechseluntersuchung ermöglicht. Die Zusammenarbeit mit Steglich wurde fortgesetzt, der in den medizinischen Beirat des Bundes aufgenommen wurde, und ein Programm zur Selbsthilfe für Arthrosekranke entworfen.

Der Kneipp-Bund, seit 1980 unter der Leitung von Gudrun Beckmann, wendet sich mit Lehrveranstaltungen sowohl an chronisch Kranke als auch an jene Gesunden, welche die Krankheitsvorbeugung in die eigene Hand nehmen und sie nicht der sogenannten Präventivmedizin des staatlichen Gesundheitsservices überlassen wollen. Organisiert ist der Kneipp-Bund in einzelnen örtlichen Vereinen. Nach der Wiedervereinigung hat er in Brandenburg acht örtliche Vereine, zuletzt in Templin, gegründet. Hier war eine Lücke entstanden, denn in der Ostzone und ehemaligen DDR wurde eine organisierte Laienbewegung nach dem Krieg nicht weitergeführt, weil man im Zuge des üblichen Mißtrauens Angst vor Vereinen und Furcht vor Geheimbündlerei hatte.

Die Laienverbände der Naturheilkunde haben ihren Platz in unserer Gesellschaft. Sie müssen aufklären und den Menschen sagen, daß Krankheit in der Regel nicht unabwenbares Schicksal, sondern heute oft selbst verschuldet ist. Dem Kranken können sie beruhigend mitteilen, daß es außer Medikamenten und Operation noch ein breites Angebot an anderen Heilverfahren gibt, daß er sich mit seiner Krankheit nicht abfinden muß und daß er selbst etwas dagegen tun kann - sofern er will.

 

Literatur

1.
Ruda: „Zur Pathologie und Therapie der Funktion": Heilkunst, 76. Jg., Heft 7.
2.
Schwarz: „Ernst Schweninger", Lpzg, Reclam 1941.
3.
Stürzbecher: „Steglitz im dritten Reich" Edition Hentrich Berlin 1992, S. 62-79.
4.
Schweninger: „Der Arzt", Sammlung sozialpsychologischer Monographien, herausgegeben von Martin Buber, 7. Band, Rütten und Loening 1906.
5.
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6.
Brauchle, Grote: „Ergebnisse aus der Gemeinschaftsarbeit von Naturheilkunde und Schulmedizin", Lpzg, Reclam 1935-1940.
7.
Brauchle: „Handbuch der Naturheilkunde", Reclam „Naturheilkunde in Lebensbildern", Reclam
8.
Vogler, P.: „Zur Geschichte der Universitätsklinik für natürliche Heilweisen Charite Berlin", Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 1960, Heft 9, VEB Gustav Fischer Verlag Jena.
9.
Vogler, P.: „Aufbau der physikalischen Therapie in der DDR", Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität zu Berlin, Math.-Nat. IX (1959/60).
10.
Rohde, J.: „Phys. Reh. Kur. Med 9 (1999)", G. Thieme, Stuttgart - New York.
H.H. Berg: „Vom Bild der inneren Medizin im Fluß der Zeit" 3. internationaler Kongreß für Innere Medizin, Stockholm 1955
Franz-Mikoleit: „Zehn Jahre Adipositas-Dispensairebetreuung" Zeitschrift für Physiotherapie, Heft 3,1976
Bornmann, Müller, Steglich: „Einfluß gewichtsreduzierender Behandlung auf das Verhalten der Glukosetoleranz" Zeitschrift für Physiotherapie, Heft 3,1976
14.
Ruda :„Der gefesselte Mensch, Neurose und Gesellschaft", Ullstein Taschenbuch 34336
15.
Krauß, H.: „Der Sauener Wald", Birkhäuser Verlag, Basel 1986
Steiniger, Janitz, Schneider, Steglich: „Zur Eiweißfrage beim Fasten" Forsch.Komplementärmed 1999;6:49-51
17.
Berliner Ärzteblatt, 86. Jhg., Heft 24/73
18.
„Rote Liste 1999", S. 12/13, Editio Cantor Verlag
Dt. Ärzteblatt 96, Heft 39, 1.10.1999
20.
Bundesministerium für Gesundheit 3.9.1999, 9.7.1999
21.
Dt. Ärzteblatt 79; 1982
Biologische Medizin, 24.Jhrg., Heft 3, 1995
23.
Dt. Ärzteblatt 95, Heft 8, 1999
24.
„Was ist Naturheilkunde?", in „Scheidewege, Jahresschrift für skeptisches Denken", Jhrg. 25. 1995/1996
25.
S. Das: „Ohne Inweltentgiftung keine ganzheitliche Therapie", Johannes Sonntag Verlag, Regensburg
Bühring: „Naturheilkunde", Verlag OH. Beck 1997
27.
Brauchle: Naturheilkunde in Lebensbildern, Reclam
28.
H. Schaefer in „Strukturfragen im Gesundheitswesen in der Bundesrepublik Deutschland", WidO-Materialien, Bd. 21